Überlastete Straßen bleiben weiter belastet. Das Workshopergebnis des zweiten Werkstattverfahrens im Lichte von Verkehrszahlen.
Im Mai 2011 wurde das Ergebnis des Werkstattverfahrens zur Uhlenkrog-Rampe, auch genannt “Verkehrsentlastung der Stadtteile Hassee, Hasseldieksdamm und Russee” öffentlich vorgestellt. Auf dessen Basis soll die Kieler Selbstverwaltung entscheiden, ob und wie das höchst umstrittene Projekt des Autobahnanschlusses “Uhlenkrog-Rampe” im Kieler Verkehrsentwicklungsplan umgesetzt werden soll. Die rot-grüne Koalition fand einen Ausweg aus dem Rampen-Dilemma, indem sie zumindest auf dem Papier die Verkehrsentlastung in drei Stadtteilen in den Fokus stellte und eine zweistufige Bürgerbeteiligung durchführen ließ.
Es ist kaum überraschend, zu welchem Votum die politischen Entscheidungsträger gelangten: Ende Mai befand die Kieler Ratsversammlung dann darüber, die so genannte “kleine Lösung”, d.h. die Anbindung des Mühlendamms/citti-Parks an die A 215 weiter zu verfolgen, nicht zuletzt, weil diese Lösung von den Workshopteilnehmerinnen so viele positive Klebepunkte in der Bewertung erhielt.
Wie steht es aber um die Verkehrsentlastung der Wohngebiete, die ja ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Ziel des Workshops überhaupt gewesen ist? Bei der objektiven Bewertung der Ergebnisse hilft ein Dokument zu Verkehrszahlen weiter, das vom Tiefbauamt herausgegeben wurde und Aufschluss über die derzeitigen und kommenden Verkehrsverhältnisse sowie die Auswirkungen der unterschiedlichen Modelle gibt:
Abbildung 1: Tabelle mit den Verkehrsbelastungszahlen/Anlage 6 (Dokument der Stadt Kiel / markierende Einkreisungen durch den Autor)[1]:

Die farbig unterlegten Verkehrszahlen der Modelle (Null-Lösung, Uhlenkrog-Rampe, Russeer Rampe und der citti-Anbindung) werden eingerahmt von …
* Links: Ergebnisse der Verkehrszählung
* Rechts: Aufnahmekapazitätsgrenzen der jeweiligen Straßen und deren Einhaltung nach der DTV (Durchschnittlichen täglichen Verkehrsstärke)
Der IST-Zustand:
Noch vor der Beschäftigung mit den Modellvarianten, die im Workshop erarbeitet wurden, fällt auf, dass es fünf (rot eingekreiste) Straßen gibt, die zurzeit nach aktuellen Verkehrszählungen überlastet sind, bzw. diese Grenze fast ausgeschöpft haben, wie die Hofholzallee etwa.
Favorisierte Variante, Anbindung Mühlendamm:
Betrachten wir die verkehrlichen Effekte der so genannten “kleinen Rampe”, der Anbindung des Mühendamms [=citti] an die A215, so fällt auf, dass die Effekte weitestgehend gelblich bleiben, d.h. kaum Veränderungen auftreten.
Das betrifft zum einen die derzeit überlasteten Straßen (rot eingekreist): Die Verkehrsmenge bleibt gleich oder verringert sich ein wenig.
Ein leichter Rückgang (grün markiert) ist im Bereich Uhlenkrog zu verzeichnen, vermutlich, weil die Kundenverkehre aus dem Kieler Westen die Autobahnauffahrt zum citti-Park nehmen.
Den größten Rückgang (grün markiert) verzeichnen der Mühlendamm und der Westring in Höhe ikea, da die Kundenverkehre das Gewerbegebiet direkt ansteuern können. Bleibt festzustellen, dass diese Straßen laut DTV Verträglichkeit zurzeit gar nicht ausgelastet sind.
An den Ergebnissen gemessen ….
… lässt einen die Verkehrszahlenanalyse fassungslos zurück. Kurz gesagt werden Straßen entlastet, deren Aufnahmekapazität gar nicht erreicht ist. Für die ohnehin überlasteten Straßen oder die, deren Belastungsgrenze derzeit schon tangiert wird, gibt es keine wesentlichen Verbesserungen.
Natürlich soll eine Verkehrsentlastung nicht kleingeredet werden, aber eine Entlastung der Wohngebiete sieht anders aus.
Zweitens müssendie jüngsten Pläne der Landeshauptstadt Kiel, zwei Möbelgeschäfte gegenüber von ikea anzusiedeln, alarmieren [Link dazu | Link dazu] :
Denn die verkehrlichen Effekte dieser Ansiedlung hätten im Werkstattverfahren berücksichtigt werden müssen, hier ist eine neue Gesamtanalyse unerlässlich!
Andererseits ist mit der geplanten Gewerbekonstellation von erheblichen Querverkehren zu benachbarten Möbelhäusern und “Malls” zu rechnen, sodass Saarviertel und Anwohner des Westrings vermutlich weniger in den Genuss einer Entlastung kommen als auf dem Papier angegeben.
Resümee:
Vom heutigen Informationsstand aus erscheint die die so genannte Verkehrsentlastung also vielmehr als eine “Verkehrsertüchtigung” der zuführenden Straßen zu einer stetig wachsenden Gewerbeansiedlung. Die Bewohner der Stadtteile, zumindest an den stark belasteten Verkehrswegen, gehen überwiegend leer aus.
Skandalöser noch ist aber das Verhalten der Landeshauptstadt Kiel, kurz nach dem Workshop mit dem Vorhaben der Ansiedlung eines weiteren großen Verkehrserzeugers an die Öffentlichkeit zu gehen. Die in mühsamer Arbeit erzielten Ergebnisse des Workshops erscheinen damit überholt zu sein. Echte Bürgerbeteiligung sieht anders aus!
[1] Das Originaldokument können Sie hier herunterladen: http://www.kiel.de/leben/verkehr/planungswerkstatt/_dokumente/beschlussvorlage/2011-05-26-01_Anlage_6_Verkehrl_Entl.pdf [Stand: 27.8.2011]